Die Situation ist nicht besonders selten: Ein Unternehmen möchte Dinge ändern, man interessiert sich für Scrum, ein paar Personen lesen sich in das Thema ein, und man trifft letztlich die Entscheidung, auf Agile umzuschwenken. Jetzt braucht man einen Scrum Master (und einen Product Owner), aber woher nehmen, und wie soll man entscheiden, wer der richtige ist?

Ganz vorweg: gute Scrum Master oder Product Owner wachsen nicht auf Bäumen. Es ist nicht einfach, überhaupt einen zu finden, und dann auch noch den »richtigen« zu finden kann extrem tricky werden. Das gilt ganz besonders dann, wenn man nicht wirklich weiß, worauf man achten sollte.

Der erste Weg führt eventuell zu einem der großen Jobportale. Man versucht sein Glück über monster.de oder vergleichbare Anbieter. Man gibt sein Angebot auf und hofft auf viele Bewerbungen.

Die erste Schwierigkeit ist wahrscheinlich, dass man nicht einmal weiß (woher sollte man das auch wissen?), was man in die Anzeige schreibt. Man kann sich ein paar Eigenschaften aus den Büchern zusammensuchen, die man gelesen hat. Vielleicht schreibt man auch das eine oder andere ab, was man in anderen Gesuchen gelesen hat. Lassen Sie mich kurz sagen, dass dieser Ansatz nicht zum Ziel führen wird.

Sehr oft lese und höre ich, dass Unternehmen, weil sie eben nicht genau wissen, worauf sie achten sollen, lediglich schreiben, dass der Gesuchte den Prozess weiterentwickeln und auf die Einhaltung der Scrum Regeln achten soll. Bedingung ist die berühmte Scrum Master Zertifizierung.

Ich kann das verstehen, aber glauben Sie mir bitte, wenn ich sage, dass die Zertifizierung nichts über die Eignung einer Person als Scrum Master aussagt. Möglicherweise mache ich mich mit dieser Aussage unbeliebt bei einigen Kollegen, aber eine Zertifizierung bekommt man recht schnell und leicht. Sie sagt lediglich aus, dass man an einer Schulung / einem Seminar teilgenommen hat, in dem die Grundlagen von Scrum vermittelt werden. Weit mehr Aussagekraft hat die Frage, ob eine Person Erfahrung als Scrum Master hat. Wenn jemand zwei oder drei Jahre in dieser Position gearbeitet hat, sagt das viel mehr aus als eine Zertifizierung.

Natürlich ist das nur der erste Punkt, auf den man achten sollte, aber vielleicht ist es besser, wenn wir am Anfang starten. Wenn Sie mit Scrum loslegen wollen, dann haben Sie doch eine Vorstellung, was Sie damit erreichen möchten. Genau das ist das, wonach Sie suchen. Und Sie wissen ganz genau, wo Sie sich gerade befinden, nämlich am Anfang. Auch das ist ganz genau das, wonach Sie suchen. Sie suchen einen Scrum Master, der Erfahrung in der Einführung von Scrum in einem vergleichbaren Unternehmen hat. Schreiben Sie doch einfach genau das in Ihr Angebot.

Ich gebe zu: das macht die Liste der möglichen Kandidaten recht kurz, aber wir suchen schließlich nach der Idealbesetzung. Nach einem Gespräch kann man sich immer noch entscheiden, ob wir einer Person, die nicht ganz unseren Anforderungen genügt, die Aufgabe zutrauen.

Warum schreibe ich „vergleichbares“ Unternehmen?

Die Aufgaben und Probleme variieren bei unterschiedlichen Organisationsstrukturen extrem stark. Stellen Sie sich einfach eine Konzernstruktur vor und vergleichen diese mit einem Unternehmen mit vielleicht 25 Mitarbeitern. Ich sage nicht, dass das eine oder andere schwerer oder leichter ist, ich sage lediglich, dass es anders ist. Ob schwerer oder leichter hängt von vielen Faktoren ab, vor allem von den handelnden Personen und deren Widerständen.

Wenn Sie mit Ihren Gedanken so weit sind, dann haben Sie jetzt eine recht gute Vorstellung davon, wonach Sie eigentlich suchen: eine Person, die Ihnen beim Start hilft, und die diese Situation bereits kennt. Das klingt sehr banal, aber ich halte diesen Gedanken für äußerst wichtig.

Schreiben Sie einfach genau das in Ihr Angebot. Alles Weitere ist einem erfahrenen Scrum Master sowieso klar. Und glauben Sie mir: Zum Start suchen Sie einen erfahrenen Kollegen. Es ist doppelt schwer für eine Person, die in einer Position selbst neu (und damit noch unsicher) ist, andere mitzuziehen. Bedenken Sie, beim Start ist der Scrum Master die Figur, die diese Veränderung in weiten Teilen treibt.

Natürlich können Sie auch auf einen Personaldienstleister/Headhunter zurückgreifen, der für Sie die erste Auswahl trifft,Telefonate führt und Termine vereinbart. Hier stehen Sie natürlich ebenfalls vor dem Problem der Wahl des richtigen Partners. Ein guter Personaler wird Ihnen zuhören und Ihnen signalisieren, dass er Sie und Ihre Situation verstanden hat. Vielleicht wird er Ihnen auch sagen, dass es schwierig wird, jemanden zu finden, der bereits Erfahrung mit der Einführung von Scrum in einem vergleichbaren Unternehmen gesammelt hat, aber dann ist er wenigstens ehrlich. Ich schätze diese Eigenschaft ungemein. Dass sich ein Personaldienstleister in der Materie auskennen sollte, setze ich an dieser Stelle voraus. Sie werden sich kaum an eine Person wenden, die ihre Stärken im Bauhandwerk hat, um einen Kollegen für die IT zu finden.

Bis jetzt haben Sie lediglich die Vorbereitungen getroffen. Sie haben sich Gedanken gemacht, was Sie eigentlich brauchen, haben Gesuche bei den großen Jobportalen eingestellt und mit einem Personaldienstleister gesprochen, der Sie bei Ihrer Suche unterstützen soll. Jetzt hoffen wir auf viele Bewerbungen und Kontakte, müssen aber ernüchtert feststellen, dass recht wenig kommt. Und die Anschreiben, die wir erhalten, sehen nicht sehr vielversprechend aus. Da haben wir eine Person, die noch nie Scrum Master war, sich aber in die Materie eingelesen hat und »die Herausforderung sehr spannend findet«, oder einen anderen »mit vielen Jahren Erfahrung in der Projektleitung«. Können Sie nicht brauchen. Mag gemein klingen, ist aber so.

Ihr Personaler hat vielleicht einen Kontakt, der bereits als Scrum Master tätig ist, allerdings aus einem anderen (größeren oder kleineren) Unternehmensumfeld stammt oder in bereits geschaffenen Strukturen gearbeitet hat, also keine Erfahrung mit der Einführung von Agilen Methoden in einem Unternehmen hat. Nun können wir warten, bis wir den perfekten Kandidaten finden, was unter Umständen seeeeeehr lange dauern könnte (und bis dahin müssen wir eben mit der Einführung von Scrum warten), oder wir sprechen einfach mal miteinander.

Bis jetzt war alles noch einigermaßen einfach, aber jetzt stehen Sie vor einem riesigen Problem, nämlich wie zur Hölle wollen Sie ohne eigene Erfahrung in der Materie beurteilen können, ob die Person, die Ihnen gegenüber sitzt, fachlich geeignet ist? Wahnsinnig schwer das ganze. Von den Soft Skills ganz zu schweigen. In ein oder zwei Gesprächen kann man das nur in ganz groben Ansätzen beurteilen.

Bei einem Termin könnten wir allerdings zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wir sprechen anfänglich in kleiner Runde miteinander, wie man das bei einem Vorstellungsgespräch eben so macht. Wir wollen aber natürlich auch unser Entwicklungsteam in den Entscheidungsprozess einbinden (ich hoffe sehr, dass die Kollegen auch in die Entscheidung für Scrum involviert waren). Im zweite Teil unseres Termins nehmen wir uns also eine Stunde Zeit und bitten den Kandidaten, gemeinsam mit dem Team durch ein Meeting zu gehen. Ziel könnte beispielsweise sein, zu erarbeiten, was das Entwicklungsteam von einem Scrum Master erwartet. So bringen wir Team und Kandidaten einmal zusammen und können auch die Meinung der Entwickler einholen. Wir sehen aber auch dem Kandidaten bei der Arbeit mit den Kollegen zu.

Natürlich sollten wir im Vorfeld darüber sprechen, dass wir auch einen praktischen Teil einplanen, damit der eventuelle neue Scrum Master sich vorbereiten kann. Lassen Sie ihm ruhig völlig freie Hand bei der Wahl seiner Methoden und Materialien. In dieser Session können Sie sich zurücklehnen und beobachten. Bleibt er neutral? Sammelt er das Team wieder ein, wenn es abschweift? Bleibt er ruhig, auch wenn es vielleicht etwas hektisch wird? Hat er ein erkennbares Konzept? Hat er (oder sie) die Zeit im Blick?

Eine kleine Anmerkung: bitte verzeihen Sie mir, wenn ich meistens die maskuline Form wähle. Das Geschlecht ist selbstverständlich vollkommen egal. Dass ich im allgemeinen »er« schreibe, ist lediglich meiner Faulheit geschuldet.

Nach einer solchen Session haben Sie ein Bauchgefühl. Mehr können Sie noch nicht haben, also muss das an dieser Stelle reichen. Aber Ihr Team hat auch mit dem Kandidaten gesprochen und gearbeitet. Die haben ebenfalls einen Eindruck. Nun sprechen wir also mit den Kollegen und stellen die beiden Fragen: glaube ich, dass er/sie uns weiterhelfen kann und kann ich mir vorstellen, dass er/sie in den nächsten Jahren neben mir sitzt?

Vergessen Sie nicht: das Team sollte in jedem Fall mitentscheiden.

Die Suche nach einer passenden Person kann leider sehr lange dauern. Sehr wahrscheinlich möchten Sie aber nicht so lange warten. Eine gute Option ist es dann, auf einen Freiberufler (so wie mich) oder auf ein Beratungsunternehmen zurückzugreifen. Bei einem Beratungsunternehmen werden Sie mit großer Wahrscheinlichkeit auf fachlich gut geschulte Kollegen treffen. Was das betrifft sollten Sie sich keine großen Sorgen machen. Bei einem Freiberufler stehen Sie vor der ähnlichen Situation wie bei der Auswahl eines Bewerbers für eine Festanstellung. Auch hier können Sie ihn einfach bitten, eine kleine Session mit Ihrem Team durchzuführen.

Entscheiden Sie sich für diesen Weg, bleibt natürlich die Frage, wie Sie fortfahren wollen, wenn die Kollegen aus dem Beratungsunternehmen wieder weg sind Ich würde vorschlagen, gemeinsam für die Zeit danach zu planen. Die Berater (oder ich) können Sie dabei unterstützen, mit Bewerbern zu sprechen und den richtigen auszuwählen. Sie können aber auch einen Ihrer Mitarbeiter schulen und ihm nach ein paar Monaten die Sache in die Hand geben. Vielleicht befindet sich in Ihrem Unternehmen eine Person, die sich für die Rolle des Scrum Masters interessiert. Erfahrene Kollegen könnten diese mit einbeziehen und über einen längeren Zeitraum schulen.

Die Auswahl des Product Owners unterscheidet sich deutlich davon. Daher gehe ich an dieser Stelle nicht darauf ein (das ist vielleicht Stoff für einen eigenen Artikel). Bei einem PO ist neben anderen Eigenschaften die Fachlichkeit im Hinblick auf das Projekt sehr viel relevanter. Hier würde ich es vorziehen, eine Person aus dem eigenen Unternehmen in diese Rolle hereinwachsen zu lassen. Ein guter Scrum Master kann und sollte dabei unterstützen können.

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